Gern geschehen

Die wenigsten seiner Texte kann man nach einem Jahr noch anschauen ohne sie schrecklich zu finden. Die folgende Geschichte gehört zu den ersten, die ich überhaupt geschrieben habe. Trotzdem gefällt sie mir immer noch. Deshalb:

 

Gern geschehen

Ich machte nur das Schönste der Welt. Es war scheiße. Traurigerweise bleibt das wohl die größte Erkenntnis meines Lebens: Nichts war richtig, nichts war wie es sein sollte, rein gar nichts war perfekt.

Doch genug des Selbstmitleids, denn heute ist zum ersten Mal mein Tag: Diese Beerdigung soll das Highlight meines Lebens werden. Am liebsten würde ich aufstehen und allen winken. Doch aus gegebenen Anlass ist das selbstverständlich nicht möglich. So liege ich also weichgebettet im Sarg und sehe vor meinen toten Augen die Szene um mich herum: Tausende Besucher aus allen Ländern der Welt sind angereist. Es bildet sich eine ewige Schlange geduldig Wartender zu meiner – von schluchzenden Models umringten – letzten Ruhestätte. Ganz wie in meinen Träumen thront der strahlendweiße Elfenbeinsarg augustusgleich auf einem 24 stufenhohen, völlig mit Narzissen bedeckten Podest. Direkt darüber schwebt ein überdimensional großes Portrait von mir. Gekrönt wird dieses Götterbild von meinen in Goldlettern abgedruckten letzten Worten: Gern geschehen
Eigentlich mag ich kein großes Aufheben um meine Person, doch zum Abschluss muss das einmal sein. Getreu des Mottos nicht stumm trauernd verlöschen, sondern ein letztes Mal brennen, erwarten die Gäste Kanonenschläge, ein Elefant – auf den ich mich wirklich besonders freue – und nicht zuletzt der selbstgeplante Merchandisegedenkstand. Nach langer Überlegung gelang es mir hierbei mich auf die wichtigsten Erinnerungen für jedermann zu begrenzen: Actionfiguren von mir aus verschiedenen Altersabschnitten, bedruckte Tassen und T-Shirts mit meinem lächelnden Porträt, Handyschutzhüllen mit meinem Oberkörper, Tangas mit eingenähten Initialen, selbst kreierte Gewürzmischungen, eine DVD-Gedenkbox, Kalender mit bisher unveröffentlichten Fotos, meine Parfümkollektion, Stricksocken mit aufgedruckten Aphorismen, ein Stickerbuch mit dazugehörigen Boosterpacks, mehrere Biographien, ein meinem Leben nachempfundenes Brettspiel, verschiedenfarbige Wecker mit meinen Abbild und nach mir benannte Hundewelpen.

Dank dieses Geistesblitzes hinterlasse ich zum einen der Welt genügend
Andenken, um nicht vergessen zu werden, zum anderen finanziert der
Gewinn meine etwas kostspielige Todesfeier. Meine etwas kostspielige
Todesfeier auf der Elvis und Amy Winehouse The show must go on singen,
die MTV dazu veranlassen wird, wieder Musik zu spielen, und die alle Wale
rettet. Gern geschehen.

 
„Liebe Anwesenden,
wir sind heute zusammengekommen, um meines kleinen Bruders zu
gedenken. Ein Anlass tiefer Trauer, aber keiner des Schweigens. Ihr werdet
meinen Bruder für einen selbstverliebten Träumer gehalten haben, doch lest
ihr zwischen den Zeilen seines Lebens, dann erkennt ihr, dass er sehr krank
war. Er war der größte Idealist, den ich kannte, doch litt er an einer Welt, die
nicht war, wie sie sein sollte.

 
Unserer Generation wurde gute Arbeit versprochen und wir bekommen
befristete Praktika.

Unserer Generation wurde Freiheit versprochen und wir
bekommen den elften September.

Unserer Generation wurde die ganze
Welt versprochen und wir bekommen Globalisierung.

 
Diese Lügen der Gesellschaft zerfraßen unaufhörlich das Herz des jungen
Mannes wie Tumore einen gesunden Körper. Verstümmelt und vernarbt blieb
nur noch ein verzerrtes, unwürdiges Abbild des einstigen Menschen. Doch
als diese krankhafte Karikatur seiner selbst, wollte er nicht weiterleben. Mein
Bruder beschloss der Welt einmal zu zeigen, wie es sein könnte. Er verkaufte
alles was er hatte, plante wie irrsinnig diesen Tag und verlor sich schließlich
vollkommen in seinen zu Ende verdrehten Ansprüchen. Und so ist auch heute
nichts, wie er es sich gewünscht hat. Wie im Leben, so im Tod.“
Bei seinen letzten Worten öffnet sich der Sargdeckel und ich erblicke die Welt
noch einmal in all ihrer Ehrlichkeit: Fern bekannte Gesichter sitzen vereinzelt
in leeren Kirchenbänken. Ein altes Bild von mir als Abiturient steht schief auf
dem Altar. Und ich sehe ein letztes Mal meinen Bruder. Meinen großen
Bruder, der mir einen winzigen Plüschelefanten in die kalten Hände drückt.

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