Am I Blair Waldorf? – Selbsterkenntnisse im Schreibhain Berlin

Eine kleine Lebensbeichte im voraus:

Mein Stärke ist nicht das Schreiben, sondern zu erkennen, welchen Menschen man am besten – ganz unverbindlich – an der Bar einen Schnaps ausgeben sollte. Diese natürliche oder vielleicht unterbewusst Jahre lang antrainierte Gabe hat mir bisher mehr geholfen, als jede noch so schöne Metapher bzw. spitze Pointe…

Hiermit – na gut, und mit einem kurzen, mittelliterarischen Textchen – bin ich u.a. Vorzeigestipendiat der Autorenausbildung des Schreibhains Berlin von Tanja Steinlechner geworden.13293265_10208255479816047_2122871554_n

Nach zwei Wochenenden in Mitte und trotzdem im Grünen kann ich sagen: Die Sambuca waren richtig investiert ( vorsichtshalber habe ich das noch einmal durchgerechnet:  18x Geld, das ein erfolgsloser Philosophiestudent nicht hat – 4 x 1,5€ = Profit )

An den letzten beiden, vollgepackten Tagen war das große Thema: Figuren(entwicklung)13282026_10208255480136055_2143509687_n

Dazu gibt es jede Menge Theorie, doch euch damit zu „unterhalten“ ist nicht meine Aufgabe, sondern Tanjas. Jedenfalls machen alle bald sehr wilde Skizzen, setzen sich mit dem Mensch-sein-an-sich auseinander und definieren ihre  Stärken und Schwächen – äh, also die der Hauptfigur. Manche weinen.

Nach diesem ganzen Auseinandersetzen und Menschengedenke, geht’s los mit der Praxis: Wir werden auf Berlin losgelassen, um Menschen zu beobachten, zu beschreiben, mit Leben zu füllen. Letzteres verstehe ich kurz falsch, bis Tanja es mir nochmals erklärt…

Da ich mir insgeheim sicher bin das nie publik gewordene Kind von Blair Waldorf und Chandler Bing zu sein, mache ich mich auf die Suche nach meiner Mutter. Als berühmte Persönlichkeit reist sie bestimmt viel, die Chance, dass sie gerade in Berlin – ist ja total hip hier alles – ist, sind also nicht zu gering und ich habe immerhin ganze drei Stunden Zeit. Kurze Zeit später befinde ich mich im Oberholz am Rosenthaler Platz. Obwohl hier viel mehr los ist, als in Regensburg, die Zebrastreifen eher an einen Catwalk erinnern und wirklich jeder im Café ein MacBookAir hat, begegnet mir Blair nicht. Muss ich mich jetzt nach jemanden umschauen? Ist Blair doch nicht meine Seelenverwandte? Keine frühere Inkarnation meiner selbst? Kann es wirklich sein, dass eine geflügelte, Feuer spuckende Blair Waldorf doch nicht mein Spirit animal ist? Solche Gedanken macht man sich also beim Schreiben. Während dieser Überlegungen sticht mir eine hipsterschick gekleidete, attraktive Dame in der Ecke des Oberholz‘ in die Augen. Eigentlich sticht sie nicht, sondern schält sich langsam aus der Umgebung. Sie trennt sich allmählich von dem, was zu Anfang für Etablissement gehalten wurde. Bin ich vielleicht sie? Hübsch und unscheinbar. Dann aber mehr dahinter… Ich beginne Stichpunkte zu notieren, sie zu zeichnen – geht unglaublich schief, aber Tanja bekommt später ein hübsches Bild einer Schildkröte geschenkt. Nach intensiver Beschäftigung bin ich nun sie und in den Räumen des Hains entsteht folgende Geschichte aus unserem Leben:

 

Frau mit MacBook Air

Früher schmeichelte es Alexandra immer einige Jahre älter – oder reifer, wie Männer sich dann entschuldigend rausredeten – geschätzt zu werden. Doch diese Zeit liegt nun lange zurück. Ende 20 -nagut Anfang 30 – kann eine kritische Zeit sein, wenn man nichts zu tun hat, als Tag für Tag in Mitte im Oberholzer zu sitzen, fesh auszusehen und sich um die Facebookseiten einiger C-Promis zu kümmern. Alexandra besetzt immer ihren kleinen, Rundtisch am Seitenfenster mit Blick zur Rosenthaler U-Bahnhaltestelle. Um die verrückten Leute zu beobachten, erzählt sie ihrer Mutter. Um endlich gesehen zu werden, ehrlich sich selbst.

Jeden Morgen steigt sie auf ihre Waage neben dem Bett und wählt tagesabhängig eine schwarze Bluse aus. In 38 oder 40. 36er-Größen traut sich nicht mehr. Vielleicht im Sommer wieder. Ja, immer Sommer, ganz sicher. Dazu schwarze, eng anliegende Jeans. Hoffentlich kommt der Bleistiftrock wieder, denkt sie oft, wenn sie nach zwei, drei kleinen Sprüngen und kurz mit dem Po wackeln die Luft angehalten den Hosenknopf zumacht.  Gut sieht sie aus, also die von der Freundin Nachtcreme helfe wirklich, sagt sie ihrem Spiegelbild, bevor Alexandra dann bis zum Hals zugeknöpft und auf hohen Schuhen Richtung U-Bahn – also Oberholz – aufbricht. Um verrückte Leute zu beobachten.

Dieser eine Verrückte dürfte sich gerne zu ihr setzen. Der mit dunkler Sonnenbrille und lässig geöffnetem Leinenhemd. Sie glaub, ihn schon öfter hier gesehen zu haben. Ja, der mit dem großen, türkisem Aufkleber auf dem MacBook. Das gleiche Model wie ihres übrigens. Das wäre doch eine unabweisbare Gemeinsamkeit. An ihm vorbei zur Theke. Jetzt eine Chai-Latte und auf dem Rückweg könne man ihm zulächeln. Diesem Verrückten, der auch vormittags im Oberholz sitzt und wichtige Dinge für wichtige Leute regelt. Genau wie sie. Doch beim zahlen – 3,40€ -fällt ihr ein, dass heute ein gemeiner 40er-Größe-Tag ist und er von hier doch viel zu jung und unerfahren aussieht… 

Wenige Schreibzeit später – keine Ahnung wie viel Zeit wirklich vergangen ist, hierfür verliert man irgendwann völlig das Gefühl – soll ich diese Geschichte nun weiterspinnen. Die Beiden müssen sich nun treffen und zwar auf dem ChristopherStreetDay <-klar, Berlin, queer und so:

Frau gerade ohne MacBook

Dass sie sich hierfür überreden lassen hat, kann sie immer noch nicht glauben. Da gibt es wirklich hübsche Männer. Auch Heten – für dich, hat Christina ihr versprochen. Noch ist sie sich da nicht sicher. Alle sind zwar total ausgelassen, auch das hat Christina gesagt, doch Alexandra ist sich nicht sicher, ob sie das überhaupt will. Dieses Ausgelassen. Also sooo ausgelassen. Verloren schaut sie die überfüllte Straße auf und ab. Ihre Freundinnen sind längst weg. Noch dazu drückt und zwickt die Hose. Blöde Waschmaschine, schimpft sie leise und verschränkt die Arme. In diesem Moment rempelt ein schwerer Körper von hinten gegen sie und noch bevor es ihr gelingt sich irgendwo festzuhalten, fällt sie von hohen Schuhen auf schmerzende Knie. Tränen schießen in ihre Pupillen und verwischen diesen schrecklichen Tag mit Schminke vor ihren Augen. Sorry, tut mir leid, hört sie eine tiefe, sonore Stimme, während ein braungebrannter, muskulöser Arm neben ihr erscheint. Wieder auf den Heels erkennt sie den Besitzer dieser schönen und wirklich muskulösen Armen. Statt grauem Hemd ein dunkles, enges T-Shirt. Statt MacBook ein Bier. Der Verrückte der täglich im Oberholz sitzt! Und immer zu ihr blickt. Wahrscheinlich hat er sie extra umgeworfen und ein Lächeln überzieht Alex‘ Gesicht. Endlich traut er sich, denkt sie, toll, das man hier so ausgelassen sein kann. Sie sieht sich bereits im Asyndeton – und viel wichtiger in ihrem 36er Diorkleid – mit ihm Weißwein. Sorry, wirklich, wiederholt er nochmals und schaut verschmitzt direkt in ihre Augen. Mein Freund ist so ein Idiot, manchmal weiß ich nicht, was ich an diesem Betrunkenem finde. Ich geb dir mal einen Kaffee aus

und dann steht Alexandra wieder alleine da. Sie ruft Christina und schluchzt ihr auf den AB, das Diorkleid passe ihr nicht mehr…

 

Was genau das Geschrieben über mich aussagt, will ich nicht zu genau wissen und beschließe, anstatt mich damit zu beschäftigen, zurück nach Regensburg zu fahren. Nach Regensburg, wo die Welt noch in Ordnung und Blair Waldorf meine Seelenverwandte ist. Auf der Rückfahrt im Bus schaue ich mir Diorkleider an und weine ein bisschen.

 

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